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Es ist Irrsinn ein Hightech-Unternehmen zu gründen, aber wer es nicht gründet ist verrückt

In einem Perspektivforum mit den Schwerpunkten Gründen, Kooperation und Transfer verständigten sich Akteure der Technologie Region über Zukunftsfragen.

Podiumsdiskussion im TGZ Ilmenau: (v.l.) Dr. Merle Fuchs, Dr,. Ralf Pieterwas, Franz-Josef Willems, Prof. Kai-Uwe Sattler, Valentina Kerst und Moderator Olaf Mollenhauer. Foto: wr

Eine sich verändernde Unternehmens- und Gründerlandschaft sowie die Frage, inwieweit Inkubatoren wie Technologie- und Gründerzentren heute noch sinnvoll sind, gaben die Impulse für die Veranstaltung, die am 29. August 2019 im Technologie- und Gründerzentrum Ilmenau stattfand. An die 50 Gäste konnte dessen Geschäftsführer Rüdiger Horn begrüßen. Hans-Christian Fritsch, Geschäftsführer der Ilmsens GmbH, Lars Dittrich Gründer der 5microns GmbH , Ralph-Dieter Eckardt, geschäftsführender Gesellschafter der Arisu GmbH, Daniel Martschoke, Gründer der Lynatox GmbH, und Mario Zimmermann, Co-Founder von Brands4Friends, berichteten in kurzen Vorträgen über ihre Gründungserfahrungen und Herausforderungen bei Technologietransfer und Kooperation. Sie gaben zudem Einschätzungen zum Standort. Dabei zeigte sich, dass die hiesige Region eigentlich über ein gutes Renommee und hohe Potenziale verfügt.

Guter Standort mit immer weniger Gründungen

Eine anschließende Podiumsdiskussion wurde von Olaf Mollenhauer moderiert, der, mit zwei erfolgreichen Gründungen und als Vorstand der Elektronischen Mess- und Gerätetechnik Thüringen (ELMUG) eG, seine großen Erfahrungen auf dem gesamten Themenfeld einbrachte. Auch er hob hervor, dass der Standort der TECHNOLOGIE REGION ILMENAU ARNSTADT insbesondere mit der TU Ilmenau und einer breit gefächerten Unternehmenslandschaft hervorragende Potenziale auf die Waage bringen kann. Gleichzeitig mache die Tatsache sorgen, dass in diesem eigentlich günstigen Umfeld immer weniger Gründungen erfolgen. Seine Diskussionspartner waren Valentina Kerst, Staatssekretärin im Thüringer Wirtschaftsministerium, Prof. Kai-Uwe Sattler, Prorektor für Wissenschaft an der Technische Universität Ilmenau, Franz-Josef Willems, Vorstandsvorsitzender der Initiative Erfurter Kreuz e.V., Dr. Ralf Pieterwas, Hauptgeschäftsführer IHK Südthüringen, und Dr. Merle Fuchs, EXIST-Forschungstransferprojekt „Pramo“.

Alle Mitwirkenden unterstrichen die Notwendigkeit von intensiver Gründerförderung, auch hoben sie die Unabdingbarkeit von Gründerzentren hervor, gerade in Angesicht der sinkenden Gründerzahlen. Zugleich wurden die unterschiedlichen Perspektiven und Schwerpunktsetzungen deutlich. Staatssekretärin Kerst berichtete von ihrer eigenen Gründung, einem Beratungsunternehmen für Digital Business, und zeigte die Leistungen des Landes für Gründer, vor allem im Bereich der Beratung und Finanzierungsförderung auf. Sie verwies dabei auf das Thüringer Zentrum für Existenzgründungen und Unternehmertum sowie auf Fördermittel, in deren Rahmen für jeden Gründer ein Portfolio von 25.000 bis vier Millionen Euro je nach Umfang der Gründung zur Verfügung gestellt werden kann. Zugleich räumte sie ein, dass in Deutschland insgesamt ein eher ungünstiges Gründerklima herrsche, in dem es zu viel Angst vor der Finanzierung und vor dem Scheitern gäbe. Ungeachtet dessen würden Gründerzentren und Hochschulen eine gute Arbeit bei der Förderung von Gründern leisten.

Mehr Sensibilisierung für Gründungen in der Universität

Existenzgründungen hob Prorektor Prof. Sattler als bedeutendes Thema für die TU Ilmenau hervor. Insbesondere sah er die Universität bei der Sensibilisierung für Gründungen in einer besonderen Verantwortung. Der Wille zur Gründung sei weitgehend verloren gegangen, wenngleich der Schritt in die Selbstständigkeit gerade für Informatiker relativ einfach sei. Im Bereich der Ingenieurstudiengänge würden besonders starke Anstrengungen zur Gründungsmotivation nötig. Sattler wies auch darauf hin, dass man Absolventen etwas bieten muss, um sie in der Region zu halten. Dabei gehe es nicht nur um Geld, sondern auch um den Reiz der in einem Unternehmen zu lösenden Aufgaben.

Franz-Josef Willems sagte, dass der einzige Bodenschatz Thüringens in Bildung und Innovationen besteht. Als Vertreter eines starken Unternehmensverbandes ließ er keinen Zweifel daran, dass auch für große Unternehmen Gründer wichtig sind, weil deren Innovationen und künftige Kooperationen gebraucht werden. In diesem Zusammenhang sprach er sich erneut für ein Transferzentrum der TU Ilmenau am Erfurter Kreuz aus. Dies könne erst einmal ein Büro mit einem engagierten Mitarbeiter sein, der die Anliegen der Universität in die Unternehmen trägt. Unter Transfer sei aber auch die Zuführung von Fachkräften aus der Uni in die Wirtschaft zu verstehen. Dazu müsse die durchaus gute Qualität von Arbeitsplätzen in der Region besser kommuniziert werden. An der TU Ilmenau sehe er leider keine Stelle, die sich darum kümmert. Dafür brauche es Personal und Ressourcen, mit halben Stellen werde hierbei nichts erreicht.

In der wirtschaftlichen Abkühlung auf Innovationsprozesse setzen

Dr. Ralf Pieterwas stellte fest, dass es in Thüringen eine viel zu geringe Zahl an innovativen Gründungen gebe. Das habe dazu geführt, dass der Aufholprozess des Landes gegenüber den alten Bundesländern ins Stocken geraten sei. Gerade innovative Gründer scheiterten zu oft, bevor ihr Produkt überhaupt den Markt erreicht. An dieser Stelle zeige sich ein gravierender Mangel in der Gründungsförderung: Für diesen letzten Schritt fehle ein wichtiges Förderinstrument. Pieterwas rief dazu auf, besonders in der jetzigen Phase einer gewissen wirtschaftlichen Abkühlung auf Innovationsprozesse zu setzen. Die zum Teil bis zu 15 Prozent geringeren Auftragseingänge in der Industrie ließen mehr Raum dafür. Zugleich forderte er von den Unternehmen mehr Eigeninitiative bei der Entwicklung von gemeinsamen Verbundprojekten mit Hochschulen.

Gut 500 Gründungen im Hochtechnologiebereich hat Dr. Merle Fuchs in ihrer Tätigkeit als Unternehmensberaterin betreut. Sie arbeitete in einem Gründernetzwerk. Sie selbst hat als Mikrobiologin, sie war Schülerin von Nobelpreisträger Manfred Eigen, ein entsprechendes Unternehmen gegründet. Aus diesem Erfahrungshorizont heraus waren ihre Einschätzungen zu Gründungsklima und -förderung von besonderem Interesse. Der Bericht von ihrer eigenen Gründung aber auch von der Begleitung anderer Gründer wies vor allem einen großen Kritikpunkt aus: die enorme Bürokratie bei der Beantragung von Fördermitteln. Ähnliches drohe bei der Konsolidierung eines neuen Unternehmens. Mitunter sei es nötig zwei Jahre an Anträgen zu feilen, nur um vor der Jury zu bestehen. Zwar sei die Förderung des bmt in Thüringen sehr gut, aber vier Millionen Euro reichen bei der Gründung es Hightech-Unternehmens nicht. Doch allein dafür benötige man 1,5 Millionen Euro Eigenmittel, was für viele Gründer eine unüberbrückbare Hürde sei, zumal es an Venture-Capital-Unternehmen im Land weitgehend fehle. Um mit einer solchen Gründung in wirklich ruhiges Fahrwasser zu gelangen, brauche es einen langen Atem von vielleicht 15 Jahren. Und so resümierte Merle Fuchs: „Es ist geradezu Irrsinn ein Hightech-Unternehmen zu gründen. Aber wer kein Hightech-Unternehmen gründet ist verrückt.“

Mit zwei Workshops wurde das Perspektivforum fortgesetzt. Am Ende hatte das Technologie- und Gründerzentrum Ilmenau zu einem Sommerfest im eingeladen.