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Landrätin Enders: „In Neustadt können wir aus der Krise für die Zukunft lernen“

Eine umfassende Studie zum Infektionsgeschehen in Neustadt am Rennsteig wird unter wissenschaftlicher Leitung des Universitätsklinikums Jena erstellt.

Die Studie zum Infektionsgeschehen in Neustadt wird jetzt vom Universitätsklinikum Jena in Angriff genommen. Foto: Doreen Huth/LRA Ilm-Kreis

Unter Führung des Uniklinikums der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird der Ausbruch des SARS-CoV-2 in Neustadt am Rennsteig seit 13. Mai 2020 wissenschaftlich untersucht. Kooperartionspartner ist Prof. Thomas Hotz von der TU Ilmenau für die statistische Auswertung. Der 1000-Einwohner-Ort im südlichen Ilm-Kreis stand ab dem 22. März 2020 für zwei Wochen unter Quarantäne, weil es dort im Vorfeld ein erhöhtes Infektionsaufkommen mit vielen Kontaktpersonen gab. Am Ende der Quarantäne waren 49 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus bekannt, zwei davon verstarben.

Ein zehnköpfiges Wissenschaftsteam unter der Leitung von Professor Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am UKJ, wird nun ab 13. Mai 2020 untersuchen, inwiefern es zusätzlich zu den bereits bekannten 49 Fällen auch nicht bemerkte, asymptomatische Verläufe gab und, ob sich eine Immunität im Ort ausgebildet hat. Das Besondere an der Situation in Neustadt: es sollen Daten von allen Altersgruppen von jung bis alt, Menschen mit und ohne Vorerkrankungen, Familien- und Singlehaushalte, erhoben werden. Das Land Thüringen hat die Finanzierung der Studie zugesichert. Sie soll möglichst über das „Sondervermögen Corona“ erfolgen. Die Letztentscheidung über den Sonderfonds liegt beim Thüringer Landtag. Stark gemacht für die Studie hatte sich insbesondere die Landrätin des Ilm-Kreises, Petra Enders. 

Das wird getestet

Die Wissenschaftler möchten von den Neustädterinnen und Neustädtern vor allem drei Dinge erheben:

  • Mit Fragebögen und Einzelinterviews möchten sie Einzelheiten zur Symptomatik und möglichen Exposition mit dem Virus, beispielsweise bei Veranstaltungen, herausfinden. Zudem stehen auch psychosoziale Komponenten im Vordergrund, also die Frage, wie sich die Menschen während der Quarantäne gefühlt haben. 
  • Blutentnahmen erlauben die Testung von Antikörpern und die Untersuchung von spezifischen Abwehrzellen. 
  • Mit Abstrichen soll gezeigt werden, dass das Virus nicht mehr im Dorf zirkuliert. 

Von der weithin bekannten Heinsberg-Studie – im nordrheinwestfälischen Landkreis war deutschlandweit der erste Corona-Hotspot – unterscheidet sich die Studie in Neustadt vor allem in folgenden Punkten:

  • Das wissenschaftliche Team um Mathias Pletz untersucht den gesamten Ort.
  • Insbesondere werden auch Kinder getestet. Dafür ist eigens ein Kinderarzt mit vor Ort. 
  • Zudem unterscheidet sich die Methodik der Testverfahren: So werden mehrere Testverfahren pro Patient angewendet, um eine mögliche Immunität gegen das Coronavirus sicher zu ermitteln. 

Nach den Befragungen und Tests erfolgen Laboruntersuchungen und -auswertungen. Dies wird einige Monate in Anspruch nehmen, mit ersten Ergebnissen rechnen die UKJ-Experten aber noch in diesem Jahr.

Groß angelegte Studie ist nur gemeinsam möglich

Eine so groß angelegte Studie ist nur gemeinsam möglich, durch die Kooperation vieler Beteiligter. „Wir sind zuallererst einmal den Bewohnern von Neustadt am Rennsteig und Bürgermeister Dirk Macheleidt sehr dankbar, dass sie bereit sind, an der Studie teilzunehmen. Das ist keinesfalls selbstverständlich“, so Mathias Pletz: „Uns alle eint das Bedürfnis, so viel wie möglich über das neuartige Coronavirus herauszufinden. Eine einzigartige Situation wie in Neustadt kann hierbei so wertvolle Erkenntnisse liefern, dass wir diese Chance nicht ungenutzt lassen sollten.“ „Ich bin überzeugt, wir werden gemeinsam unheimlich viel dazu beitragen, das Virus besser zu verstehen“, bedankt sich Pletz. 

„Von der Studie erwarten wir uns einen nachhaltigen Beitrag zur Forschungsdebatte über COVID-19“, sagte Thüringens Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee: „Um die Corona-Krise erfolgreich zu bewältigen, brauchen wir fundierte Erkenntnisse über die Ausbreitungswege des Virus, Krankheitsverläufe und mögliche Immunitäten nach überstandener Erkrankung.“ Das Wissenschaftsministerium hatte deshalb frühzeitig eine Finanzierung des Vorhabens zugesagt. Für das Corona-Sondervermögen, über das der Landtag voraussichtlich in diesem Monat entscheiden werde, seien deshalb 500.000 Euro angemeldet worden.

In Neustadt Bedingungen wie in einem Labor

Landrätin Petra Enders: „In Neustadt können wir aus der Krise für die Zukunft lernen. Die zweiwöchige Quarantäne war eine schwierige Situation für alle. Wir konnten aber Infektionsketten unterbrechen und die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen. Um die Quarantäne beenden zu können, haben wir umfassende Abstriche im Ort gemacht und schnell wurde mit der fast lückenlosen und einzigartigen Datenlage deutlich: Wir hatten in Neustadt Bedingungen wie in einem Labor. In keinem anderen Ort Deutschlands ist in dieser Komplexität und Intensität getestet worden. Eine wissenschaftliche Betrachtung der pandemischen Lage in Neustadt habe ich auch deshalb forciert, weil wir dem Coronavirus nur wirksam begegnen können, wenn wir es verstehen. Ich bin froh, dass sich mit Prof. Mathias Pletz und seinem wissenschaftlichen Team des Uniklinikums Jena für die medizinische Betrachtung und mit Prof. Thomas Hotz von der TU Ilmenau für die statistische Betrachtung versierte und engagierte Wissenschaftler gefunden haben, die sich der besonderen Lage in Neustadt und ihrer Chancen ebenso bewusst sind wie Wissenschaftsminister Wolfgang Tiefensee, dessen Ministerium der Studie auch den finanziellen Rückhalt gibt.“

Die gesamte Studie ist ein partnerschaftliches Projekt und lebt von der hervorragenden Zusammenarbeit besonders mit Landrätin Petra Enders, dem Gesundheitsamt des Ilm-Kreises um Amtsärztin Dr. Koch und unterstützenden Ärzten des Ortes. So hatte das örtliche Gesundheitsamt schon während der Quarantäne umfangreiche Tests bei den Einwohnern durchgeführt und Infektionsketten und -wege geprüft. Es besteht also eine ausgezeichnete Datenbasis für die Studie. Nicht zuletzt geht der Dank an das Land Thüringen, das die Kosten für die großangelegte Studie trägt.